Tobias Illig ist Führungskräftetrainer, Lehrbeauftragter an Hochschulen und Autor. Er gibt Stressmanagement-Seminare für Mediziner, in denen er Ärzten erklärt, wie sie trotz anstrengendem Klinikalltag eine ausgewogene Work-Life-Balance bewahren. Von Tobias Illig
Tobias Illig, Bild: Foto Flott Hassloch
Viele junge Ärzte, die ins Berufsleben einsteigen, werden schnell desillusioniert. Für sie zählen vor allem der Dienst am Patienten, eine am Menschen ausgerichtete Ethik und eine vom Geld unabhängige Medizin, die gesund macht. In der Praxis bekommen sie es dann aber auch mit DRG-Kennzahlen und kurzen Durchlaufzeiten der Patienten zu tun. Und das wiederum löst häufig Stress aus. Dazu kommt die hohe Verantwortung, die das ärztliche Personal für das Leben seiner Patienten trägt. Dieser Druck kann die Work-Life- Balance gefährden. Deshalb hier zehn Tipps für Zufriedenheit und Ausgeglichenheit am Arbeitsplatz:
1. Die ökonomische Situation im Krankenhaus akzeptieren. Denken Sie unternehmerisch: Den Wünschen und dem Wohl des Patienten und den Interessen der Verwaltung oder des Trägers zugleich gerecht zu werden, ist eine Herausforderung – aber es ist möglich!
2. Den Sinn der Arbeit sehen. Führen Sie sich immer wieder vor Augen, warum Sie den Arztberuf gewählt haben. Im Alltag können Sie dann gezielt nach den positiven Aspekten suchen, die Ihrer Arbeit Sinn geben, und diese ausgiebig würdigen und zelebrieren.
3. Kollegen und Vorgesetzte akzeptieren – man kann sie sowieso nicht ändern. Auch wenn die Führungskultur in vielen Häusern noch nicht ganz dem entspricht, was ein modernes Gesundheitswesen braucht, kann man Menschen nur so nehmen, wie sie sind. Deshalb ist es wichtig, nach den positiven Seiten zu suchen – besonders auch bei schwierigen Menschen – und diese zu würdigen. Sonst reiben Sie sich ständig an den Schwächen anderer, und das hilft niemandem.
4. Freundschaften zu Arbeitskollegen pflegen. Wer einen Freund auf der Arbeit hat, ist deutlich zufriedener als jemand, der nur Geld verdienen möchte. Deshalb: Begegnen Sie Ihren Kollegen freundlich und aufmerksam – so tragen Sie zu einer angenehmen Arbeitsatmosphäre bei.
5. Erfolgserlebnisse bewusst suchen und würdigen. Beispielsweise ist es sinnvoll, während des Dienstes oder nach Feierabend zu einem zufriedenen Patienten zu gehen, der besonders dankbar für die ärztliche Leistung ist. Das positive Feedback tut gut, es nährt die Seele. Während des Dienstes sollten Sie sich bewusstmachen, was gut gelaufen ist, was funktioniert hat, was interessant war, was sie gelernt haben, was Ihre Neugier geweckt hat, woran Sie gewachsen sind.
6. Partnerschaft und Familie pflegen. Die Strukturen in Krankenhäusern sind häufig leider noch nicht so familienfreundlich, wie Ärzte es sich wünschen. Denken Sie daran: Der Beruf ist nicht alles, auch wenn er viel Status, Sinn und Anerkennung bringt. Ihr soziales Netzwerk ist wichtig, opfern Sie es nicht für den Beruf. Gerade in stressigen Zeiten hilft es, sich mit Freunden zu treffen, bei denen man sich verstanden und geborgen fühlt. Und es lohnt sich, in der Freizeit Dinge zu tun, die nichts mit dem Beruf zu tun haben – sich beispielsweise in einem Verein zu engagieren oder ein erfüllendes Hobby zu pflegen.
7. Für sich selbst Verantwortung tragen, auch in Bezug auf die Arbeitszeiten und die Aufgabenverteilung im Team. Wenn Sie passiv sind und alles nur über sich ergehen lassen, manövrieren Sie sich selber in den Burnout. Sprechen Sie heikle Themen an – dann haben Sie zumindest die Chance, etwas zu verändern.
8. Wissen, was man kann. Wer seine Stärken am Arbeitsplatz gezielt nutzt, lebt gesünder und ist zufriedener. Das setzt natürlich voraus, dass man seine Stärken reflektiert. Viele Anfänger gehen in den Beruf, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was sie besser können als ihre Kollegen. Fokussieren Sie sich auf Ihre Stärken, engagieren Sie sich und suchen Sie sich herausfordernde Aufgaben – so kommen Sie weiter.
9. Mit Krisen wachsen. Widrige Umstände sind zwar erst einmal unangenehm, helfen Ihnen aber, reifer zu werden und in Ihrer Persönlichkeit zu wachsen. Wer unreif und bequem den leichten Weg gehen möchte, nimmt sich die Chance, eines Tages ein gestandener, selbstbewusster Arzt zu sein. Er wird immer abhängig sein von Streicheleinheiten anderer, die dafür gar nicht verantwortlich sind. Halten Sie Ihre Erwartungen an andere realistisch und strapazieren Sie Ihre Mitmenschen nicht über Gebühr. Das gilt sowohl auf der kollegialen Ebene als auch in Richtung Chef und Verwaltung.
10. Konstruktiv kommunizieren. Der Arbeitsalltag ist stressig genug. Beziehungen wollen gepflegt werden, immerhin ermöglichen sie effizientes Zusammenarbeiten. Am besten ist es, wenn Sie eine konstruktive Haltung einnehmen und entsprechend kommunizieren. Dampf ablassen ist durchaus hilfreich – aber wählen Sie einen angemessenen Rahmen und die richtigen Gesprächspartner. Etablieren Sie ein gesundes Emotionsmanagement und achten Sie darauf, wie Sie mit Ihren Gefühlen umgehen.
Aus dem Fernsehen kennt man Joe Bausch als Gerichtsmediziner Dr. Joseph „Doc“ Roth aus dem Köln-„Tatort“, doch die Schauspielerei ist nur sein Zweitberuf. Sein Hauptjob: Gefängnisarzt in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Werl. Seine Patienten: Gefangene, die für unterschiedliche Taten sitzen. Im Gespräch macht er Werbung für seinen Beruf und erklärt, warum er Medizinern einen kreativen Ausgleich zum Arztberuf empfiehlt. Das Interview führte André Boße.
Zur Person
Joe Bausch, geboren am 19. April 1954 in Ellar im Westerwald, studierte zunächst in Köln und Marburg Theaterwissenschaften, Politik, Germanistik sowie Jura. Erst danach folgte ein Medizinstudium an der Medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, das er 1985 abschloss. Er ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Betriebsmedizin, Ernährungsmedizin, Suchtmedizin sowie Arzt im Rettungswesen. Seit 1987 arbeitet Bausch in der Justizvollzugsanstalt Werl, einem Gefängnis mit rund 900 Insassen, und seit 1993 ist er Regierungsmedizinaldirektor. Theater spielt Bausch seit Anfang der 80er-Jahre, sein Kinodebüt war ein Auftritt im Schimanski „Tatort“ mit dem Titel „Zahn um Zahn“. Seit 1997 ist er regelmäßig als Gerichtsmediziner Dr. Joseph „Doc“ Roth in den Kölner „Tatort“-Folgen an der Seite von Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt zu sehen.
Herr Bausch, gibt es eigentlich genug junge Ärzte, die sich für den Job als Gefängnisarzt interessieren?
Nein, wir leiden unter einem Mangel. Bei uns im Justizvollzugskrankenhaus in Fröndenberg bieten wir immer wieder Assistenzarztstellen in der Chirurgie oder der internistischen Abteilung an, haben aber Probleme, diese zu besetzen.
Machen Sie doch mal ein bisschen Werbung für Ihren Job: Was zeichnet die Arbeit eines Gefängnisarztes aus?
Ich schätze an dem Job, dass ich wirklich als Generalist arbeiten kann. Ich bin hier kein Lotsenarzt, der ständig Patienten zu anderen Fachärzten überweist, wie es in vielen normalen Praxen üblich ist. Ich mache das meiste selber: untersuche die Haut, schaue in die Ohren, bin als Psychiater, Orthopäde und Chirurg in einer Person tätig.
Wie sehr müssen Sie auf die Kosten achten?
Ich habe viel größere Möglichkeiten als beispielsweise die Kollegen in freien Arztpraxen. Derzeit behandele ich 25 HIV-Patienten, 200 Leute mit Hepatitis und viele Erkrankte mit psychiatrischen Problemen. Diese Fälle kosten eine Menge Geld. Eine normale Praxis mit diesem Patientenstamm müsste nach ein paar Wochen schließen, weil sie mit ihrem Budget am Ende wäre. Im Gefängnis können und müssen wir weiterbehandeln, weil wir für diese Patienten einen Versorgungsauftrag und eine Garantenpflicht erfüllen.
Worauf kommt es an, wenn man eine Stelle als Gefängnisarzt antritt?
Es ist natürlich entscheidend, diesen Patienten mit einer richtigen Haltung zu begegnen. Ich kann mir hier meine Patienten nicht aussuchen, und man muss schon damit klarkommen, dass einige unter ihnen vielleicht nicht die angenehmsten Zeitgenossen sind. Aber es ist nicht so, dass ich nur auf hartgesottene Stinkstiefel treffe.
Kennen Sie die Geschichten Ihrer Patienten? Wissen Sie bei allen, warum sie im Gefängnis sind?
Nein, ich habe die Haltung entwickelt, dass ich das nicht unbedingt wissen muss. Wenn sich jemand mir gegenüber ordentlich benimmt, ist mir wurscht, warum er sitzt. Das ändert sich erst, wenn ich merke, dass es zu einer Störung im Verhältnis zwischen Arzt und Patient kommt. Dann kann es wichtig sein, sich die Persönlichkeit des Patienten einmal genauer anzuschauen, um zu ergründen, warum er sich so benimmt.
Sehen Ihre Patienten in Ihnen manchmal mehr als nur einen Arzt?
Sie müssen sich vorstellen, dass ich als Gefängnisarzt der Einzige bin, der diese Menschen berührt, ohne ihnen dabei Handschellen anzulegen oder sie auf gefährliche Gegenstände hin zu untersuchen. Wenn meine Patienten außerhalb meiner Behandlungen berührt werden, sind das immer Sicherheitskontakte. Daher kommt es natürlich vor, dass ein Patient, der halbnackt vor mir steht, beginnt, über Dinge zu sprechen, die mit dem eigentlichen Symptom wenig zu tun haben.
Was, wenn einer Ihrer Patienten, der vor dem Richter bislang geschwiegen hat, bei Ihnen auspackt?
Ist selten, kommt aber vor. Zum Beispiel, wenn jemand mit den Taten, für die er bislang noch nicht bestraft wurde, nicht mehr zurande kommt. Andere berichten von Machenschaften ihrer Zellenkollegen, von denen sie sich bedroht fühlen. Natürlich gilt auch für mich die Schweigepflicht eines Arztes. Brechen darf ich diese nur bei bestimmten Ausnahmen. Zum Beispiel, wenn ich mit meinem Wissen eine Gewalttat im Gefängnis vermeiden kann.
Sie haben vor Ihrem Medizinstudium unter anderem Theaterwissenschaften studiert und arbeiten auch als Schauspieler. Was glauben Sie: Müssen alle Ärzte auch gute Schauspieler sein?
Beide Berufe haben viel gemeinsam. Ein guter Arzt muss sich für Menschen interessieren, muss Menschen mögen. Er muss zuhören und beobachten können, um seinen diagnostischen Blick zu schulen. Genau diesen Blick benötigen auch Schauspieler, denn nur so kann es ihnen gelingen, Menschen authentisch zu spielen. Der Unterschied zwischen meinen Berufen ist, dass meine „Tatort“-Leichen nach dem Dreh aufstehen und sich beim Caterer einen Kaffee holen, während es bei den Untersuchungen im Knast ernsthaft zur Sache geht.
Raten Sie jungen Ärzten, sich wie Sie einen künstlerischen Ausgleich zu suchen – ob als Zweitberuf oder Hobby?
Ich habe in meinem Leben eine Menge Ärzte kennengelernt, und es ist schon auffällig, dass diejenigen Kollegen, die abseits des Berufes kreativ tätig sind, in meinen Augen besser durch das Berufsleben kommen. Es ist wichtig, ein Feld zu haben, in dem man sich austoben kann. Als Arzt ist jede Begegnung eine Begegnung im Ausnahmezustand: Der Patient kommt, weil er unter Symptomen leidet, weil er wissen will, was los ist. Daher ist es wichtig, etwas zu finden, dass mir eine andere Perspektive bietet. Etwas, das ich selber auf den Weg bringen kann. Und da ist etwas Kreatives – ob Schauspielerei, Malerei oder Musik – ideal.
[pull_quote_center]Einblicke in seine Arbeit als Gefängnisarzt hat Bausch in einem Buch veröffentlicht:
Joe Bausch: Knast.
Ullstein 2012. ISBN 978-3550080043. 19,99 Euro.[/pull_quote_center]
Die Weiterbildung zum Facharzt ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die berufliche Karriere in der Medizin. Sie ist zwar keine Pflicht – aber eine abgeschlossene Weiterbildung nach den Regeln der ärztlichen Weiterbildungsordnung ist Voraussetzung für viele Positionen in der medizinischen Versorgung. Von Dr. Magdalena Benemann
Ohne Facharztbezeichnung gibt es keine Oberarzt- oder Chefarztstelle, und auch eine Niederlassung in eigener Praxis setzt eine abgeschlossene Weiterbildung, also den Facharzttitel, voraus. Die Wahl des geeigneten Fachgebietes und die Frage danach, wie und wo sich die Weiterbildung im gewünschten Fach auch tatsächlich absolvieren lässt, stehen also zu Recht im Mittelpunkt der Überlegungen vieler Medizinstudenten. Dabei sind die Kriterien für die Wahl eines Fachgebietes sicher vielfältig. Während manche angehenden Ärzte schon beim Beginn des Studiums oder während des Praktischen Jahres ihr Wunschfach kennen beziehungsweise entdecken, zögern andere, sich frühzeitig festzulegen. Wichtigstes Kriterium für die Auswahl eines Fachgebietes sollte vor allem die persönliche Neigung und Empathie sein. Niemand wird als Chirurg später glücklich und erfolgreich, weil er sich am hohen Prestige oder Einkommen orientiert hat. Hier gilt es, in sich hineinzuhorchen und ehrlich mit sich, seinen Fähigkeiten und Neigungen zu sein.
Genausowenig sollte man sich daran orientieren, mit welchen Fachrichtungen man später einmal besonders gut eine eigene Praxis eröffnen kann. Denn bis Ärzte komplett ausgebildet sind, vergehen in der Regel sieben bis acht Jahre, in denen sich vieles im Gesundheitssystem ändern kann. Dennoch spielen bei der Entscheidung für ein geeignetes Fachgebiet auch berufliche Perspektiven oder die Rahmenbedingungen ärztlicher Tätigkeit eine Rolle. So ist es für die wachsende Zahl von Frauen im Medizinberuf wichtig zu wissen, ob sie später Beruf und Familie vereinbaren können. In Fachgebieten mit hohem zeitlichen Verfügbarkeitsanspruch – dazu gehören alle chirurgischen Gebiete – ist dies nicht prinzipiell unmöglich, aber schwerer zu erreichen als etwa in der Allgemein- oder Inneren Medizin. Entsprechend findet man rund 48 Prozent aller Ärztinnen mit einer Facharztbezeichnung in den drei Gebieten Allgemeinmedizin, Innere Medizin und Frauenheilkunde.
Das Gute an der Weiterbildung in Deutschland ist, dass es sich dabei nicht um eine Einbahnstraße handelt, sondern dass Leistungen in einem Fach auch in einem anderen anrechenbar sind. Wer zum Beispiel seine erste Stelle in der Inneren beginnt, muss dort nicht zwangsläufig bis zum Facharzt bleiben. Denn Zeiten in der Inneren sind auch in anderen Facharztweiterbildungen anrechenbar, so etwa in der Chirurgie, der Gynäkologie oder in der Kinderheilkunde.
Insgesamt kann man derzeit zwischen 33 verschiedenen Fachgebieten von „A“ wie Allgemeinmedizin bis „U“ wie Urologie wählen. Hinzu kommen Schwerpunktbezeichnungen innerhalb der Fachgebiete, zum Beispiel in der Chirurgie, in denen der Arzt nach einer zweijährigen Basisweiterbildung acht verschiedene Schwerpunkte wählen kann: Neben der Allgemeinchirurgie etwa Herz-/Hand-/Gefäßchirurgie oder Orthopädie/Unfallchirurgie. Wer sich für ein Fachgebiet entscheiden will, dem ist im Vorfeld zu raten, die jeweilige Weiterbildungsordnung, die von den Landesärztekammern erlassen wird, gründlich zu studieren, um einen Überblick über die zeitlichen, strukturellen und inhaltlichen Anforderungen und Voraussetzungen zu gewinnen.
In der Regel dauert eine Weiterbildung je nach Fachgebiet, persönlichen Umständen und Arbeitsbedingungen in der jeweiligen Klinik zwischen fünf und acht Jahren. Sie findet vorwiegend in Krankenhäusern, zum Teil auch in ambulanten Praxen statt, unter der Aufsicht und Anleitung eines sogenannten Weiterbildungsbefugten, das heißt in der Regel des Chef- oder Oberarztes einer Abteilung. Wer eine Weiterbildung beginnen möchte, sucht also zunächst eine Assistenzarztstelle in einem Krankenhaus oder bei einem niedergelassenen Arzt, der für die Weiterbildung befugt ist. Informationen über diese Befugnis halten die jeweiligen Krankenhäuser oder die zuständigen Landesärztekammer vor. Dabei ist es wichtig zu erfragen, für welchen Zeitraum der betreffende Arzt die Erlaubnis hat. Ist zum Beispiel für eine Weiterbildung ein Zeitraum von mindestens fünf Jahren vorgeschrieben, der Arzt, bei dem man arbeitet, aber nur für einen Zeitraum von zwei oder drei Jahren befugt, werden auch nur diese Zeiten für die Weiterbildung angerechnet. So kann es dann notwendig sein, die Klinik oder die Abteilung zu wechseln.
Was ein Arzt verdient, hängt zunächst nicht vom gewählten Fachgebiet ab. In nahezu allen Krankenhäusern gibt es vom Marburger Bund vereinbarte spezifische Tarifverträge. Das Grundgehalt für einen Arzt im ersten Jahr beträgt unabhängig vom gewählten Fachgebiet derzeit rund 3800 Euro. Hinzu kommen Entgelte für Bereitschaftsdienste und gegebenenfalls Überstunden. Steigt man in der beruflichen Hierarchie weiter auf, spielt das Fachgebiet beim Einkommen allerdings durchaus eine wichtige Rolle. So verdienen Chefärzte in der Chirurgie deutlich mehr als etwa in der Kinderheilkunde, Ähnliches gilt für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte.
Die medizinischen Fachbereiche
1. Allgemeinmedizin
2. Anästhesiologie
3. Anatomie
4. Arbeitsmedizin
5. Augenheilkunde
6. Biochemie
7. Chirurgie
8. Frauenheilkunde und Geburtshilfe
9. Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
10. Haut- und Geschlechtskrankheiten
11. Humangenetik
12. Hygiene und Umweltmedizin
13. Innere und Allgemeinmedizin (Hausarzt)
14. Kinder- und Jugendmedizin
15. Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
16. Laboratoriumsmedizin
17. Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie
18. Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie
19. Neurochirurgie
20. Neurologie
21. Nuklearmedizin
22. Öffentliches Gesundheitswesen
23. Pathologie
24. Pharmakologie
25. Physikalische und Rehabilitative Medizin
26. Physiologie
27. Psychiatrie und Psychotherapie
28. Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
29. Radiologie
30. Rechtsmedizin
31. Strahlentherapie
32. Transfusionsmedizin
33. Urologie
Quelle: (Muster-)Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer
Von: Prof. Dr. Mario Siebler
Dringlichkeit: hoch
An: Medizinstudenten und junge Mediziner
Betreff: Warum eigentlich nicht in der Reha starten?
Liebe Medizinstudenten und junge Mediziner,
die Rehaklinik hat gerade bei jungen Medizinern und Medizinstudenten noch einen schlechten Ruf. Das liegt meiner Meinung nach an dem alten Bild von Rehakliniken als Kurklinik und dem Mediziner als „Badearzt“. Es herrscht oft die Meinung, dort fände keine „richtige“ Medizin oder gar Diagnostik statt, das Aufgabengebiet sei weniger vielseitig und nur begutachtend. Und zuletzt: Der Einstieg in die Reha blockiere die Karriere. Das sehe ich anders.
Gut, operieren werden Sie in der Reha nicht, dafür müssen Sie aber genauso Notfälle beherrschen und sich in den Diensten bewähren. Durch die verkürzten Aufenthalte der Patienten im Akuthaus braucht die Rehabilitation im Anschluss oft noch eine gründliche diagnostische Aufarbeitung und pharmakologische Einstellung. Die Reha ist inzwischen die Fortsetzung der Akutbehandlung. Man lernt eine intensive klinische Untersuchung und eine vollwertige fachspezifische Funktionsdiagnostik, um die Krankheit zu verstehen, Komplikationen zu vermeiden und eine Prognose abgeben zu können. Reha heißt neben Indikationsstellung zu invasiven Maßnahmen auch, die Mechanismen zu verstehen, welche eine optimale Regenerationsförderung erlauben, bis hin zur Anwendung neuer pharmakologischer Therapien.
Der enge und längere Kontakt zu den Patienten in der Reha hat für Berufsanfänger den entscheidenden Vorteil, dass Sie verschiedenste Krankheitsbilder sehr detailliert kennenlernen. Das Spektrum reicht von Patienten mit Akuterkrankungen, die im Prinzip direkt von der Intensivstation in die Rehabilitation kommen, bis zur Nachversorgung seltener Krankheiten. Sie begleiten die Patienten und sehen den Heilungsprozess und den Erfolg Ihrer Therapie. Wer später Allgemeinmediziner oder Hausarzt werden will, ist daher in der Reha genau richtig. Sie lernen die Methoden der Therapeuten und auch das Formularwesen, das gerade als Hausarzt sehr wichtig ist, in der Reha viel besser kennen als in einer Akutklinik. Langweilig wird Ihnen in der Reha sicher nicht. Die Behandlungszahl der Patienten und deren Erkrankungsschwere sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen und haben so manche Akutklinik übertroffen. Kaffeetrinken, Tango und Fango – die Zeiten sind vorbei. Trotzdem ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Reha deutlich einfacher. Der Tagesablauf und die Aufnahmen sind geregelter, so dass auch Teilzeitstellen leichter zu realisieren sind.
Die Rückkehr in die Akutklinik sehe ich aus eigener Erfahrung unkritisch, wenn Sie nicht eine Wissenschaftskarriere geplant haben. Viele meiner ehemaligen Assistenzärzte haben inzwischen erfolgreich ihren Facharzt erreicht und sich gut etabliert. Einige Kollegen aus Akuthäusern setzen bei der Facharztausbildung sogar explizit auf ein Rotationsprogramm mit Rehakliniken. Die Assistenzärzte lernen die Abläufe in der Reha kennen und können davon auch im Berufsalltag in der Akutklinik profitieren. Meine Empfehlung an die neue Generation der Mediziner ist daher, zu erkennen, dass es auch eine neue Entwicklung in der Rehabilitation gibt. Seien Sie offen für Neues! Schauen Sie mal in die Reha rein!
Mit herzlichen Grüßen,
Prof. Dr. Mario Siebler
Chefarzt der Fachklinik für Neurologie
MediClin Fachklinik Rhein/Ruhr
Auf der Rötsch 2
45219 Essen
Ein Universitätsklinikum steht immer für den Dreiklang aus Krankenversorgung, Forschung und Lehre. Für Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel, der auch Mitglied des Deutschen Ethikrats und im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages ist, gibt es dennoch einen klaren Fokus. Im Sinne des Leitbildes des Universitätsklinikums Essen, „Spitzenmedizin und Menschlichkeit“, stehen für ihn an allererster Stelle die Patienten. Eine für seine rund 5600 Mitarbeiter nicht immer einfache und doch sehr erfüllende Aufgabe. Das Interview führte Christiane Siemann.
Zur Person
Univ. Prof. Dr. Dr. med. habil. Dr. phil. Dr. theol. h.c. Eckhard Nagel, 52 Jahre, studierte Humanmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover und unter anderem an der University of Vermont (USA). Zudem studierte er Philosophie und Geschichte. Nach der Promotion zum Doktor der Medizin war er an der Medizinischen Hochschule Hannover als wissenschaftlicher Assistent, später als Oberarzt für Abdominal- und Transplantationschirurgie tätig. 1998 habilitierte er zum Thema „Neue Beurteilungsverfahren in der Medizin am Beispiel der Transplantationschirurgie“. Nagel ist seit 2001 Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften sowie Mitglied der Forschungsstelle für Sozialrecht und Gesundheitsökonomie der Universität Bayreuth. Von 2001 bis 2010 war er Chefarzt und Leiter des Chirurgischen Zentrums sowie des Transplantationszentrums im Klinikum Augsburg, seit 2010 ist er Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Essen. 2002 wurde Nagel erstmals in den neu gegründeten Nationalen Ethikrat (heute Deutscher Ethikrat) berufen.
Zum Universitätsklinikum Essen
Als Krankenhaus der Maximalversorgung liegt das Universitätsklinikum Essen im Herzen der Metropole Ruhr. Im vergangenen Jahr wurden hier rund 163.000 Patienten ambulant behandelt und weitere 49.000 stationär in rund 1300 Betten. 5590 Experten der unterschiedlichsten Disziplinen in 26 Kliniken und 20 Instituten arbeiten auf dem neuesten Stand der Forschung. Neben den Forschungsgebieten Genetische Medizin, Immunologie und Infektiologie konzentriert sich das Klinikum seit Jahren auf die drei Schwerpunkte Herz- Kreislauf, Transplantation und Onkologie. So ist das Westdeutsche Tumorzentrum Essen (WTZ), ein Comprehensive Cancer Center nach amerikanischem Vorbild, seit 2009 als onkologisches Spitzenzentrum in Deutschland anerkannt. Hier werden jährlich mehr als 2000 Operationen durchgeführt.
Herr Professor Nagel, war Ihnen der Wunsch, Medizin zu studieren, in die Wiege gelegt?
Nein, als Junge wollte ich natürlich Fußballprofi werden. Aber mit zwölf Jahren musste ich als Patient ins Krankenhaus, mir wurde der Blinddarm entfernt. Damals war es noch üblich, dass sich der stationäre Aufenthalt bis zu zehn Tagen hinzog. So blieb mir drei Tage nach der Operation viel Zeit zum Schlendern über die chirurgische Station. Das fand ich faszinierend, denn in der chirurgischen Abteilung herrschte immer viel Spannung – im positiven Sinne. Mir wurde klar, dass man dort Menschen ganz unmittelbar helfen kann. Das ist in der Chirurgie noch deutlicher spürbar als in anderen medizinischen Fachdisziplinen. Von da an stand für mich fest, dass ich Medizin studieren wollte. Nach dem Abitur habe ich dann ein zweimonatiges Pflegepraktikum absolviert und danach das Studium begonnen.
Welche prägende Erinnerung haben Sie an Ihr Studium?
Die erste und wichtigste war der Anatomiepräparationskurs, denn mit der Arbeit am menschlichen Leichnam begann das Studium. Das hat mich sehr beeindruckt. Einerseits wurde mir klar, was es heißt, mit, am und für den Menschen zu arbeiten. Andererseits war ich sehr enttäuscht, dass es damals keinen Kontakt mit Patienten in der medizinischen Versorgung gab. Das hat mich frustriert und war ein Grund dafür, dass ich parallel noch ein Philosophiestudium begann. Hier kam ich dem Menschen als Gesamtpersönlichkeit auf intellektueller Ebene ganz nah und nicht nur den Bausteinen aus Aminosäuren. Letztlich wollte ich den Menschen ganzheitlich kennenlernen, um auch mich besser kennenzulernen. Das Leben ist ein Findungsprozess. Dafür braucht es Freiheit und Unterstützung. Beides hat mein Studium charakterisiert.
Wie haben Sie die Entscheidung getroffen, Chirurg zu werden?
Ich hatte zwar meine Doktorarbeit in der Chirurgie geschrieben, aber zu dieser Zeit fasste ich noch zwei andere Fachrichtungen ins Auge, nämlich Psychiatrie und Kinderheilkunde. Um eine Entscheidung zu treffen, habe ich Lehrer befragt, warum sie sich gerade für ihr Fachgebiet entschieden hatten. Bei zwei Professoren waren es vornehmlich biografische Zufälle. Der dritte, der Chirurg, fand meine Frage lächerlich: Ob man Chirurg werden wolle oder nicht, wisse man, wenn man morgens das Ei aufschlage. Diese Offenbarung blieb mir leider verwehrt. Dennoch bewirkte diese Eindeutigkeit der Identifikation, dass ich besonderes Interesse gewann und die Chirurgie ausprobieren wollte. Dabei hatte ich dann das außerordentliche Glück, den Transplantationsmediziner Dr. Rudolf Pichlmayr kennenzulernen. Die Begegnung mit ihm und seine faszinierende Persönlichkeit – sowohl als Chirurg als auch als Mensch – haben mich sehr stark geprägt und persönlich beeinflusst. Nach einem Monat stand für mich die Fachausrichtung fest.
Sie haben es an die berufliche Spitze geschafft. Welche Voraussetzungen haben Sie dafür mitgebracht?
Ich wollte Verantwortung übernehmen und nicht nur mitlaufen. So habe ich bewusst die Entscheidung getroffen, zuerst an einem Universitätsklinikum zu arbeiten. Hier bewegt man sich an der Spitze der Entwicklung der Medizin – selbst als Assistent. Zudem lässt die Ausbildung alle Möglichkeiten offen: den Weg in die Wissenschaft, in die Praxis oder in die Krankenhauskarriere. Und es braucht eine große Portion Leidenschaft – für die Medizin als Wissenschaft, für die Hinwendung zum Patienten – sowie Gestaltungswillen. Grundsätzlich gilt: Eine Karriere fällt niemandem zu – man wächst in sie hinein, indem sich Aufgaben- und Verantwortungsbereiche erweitern. Dabei sollte die grundsätzliche Neigung zum Beispiel für die Lehrtätigkeit, die Forschung, die organisatorischen Aufgaben oder die Prozessgestaltung vorhanden sein. Nur was man gerne tut, macht man letztlich auch gut. Beim Kennenlernen der Systeme und ihrer Strukturen, ob in Kliniken oder in der Wissenschaft, ist mir aber auch schnell klar geworden, dass für mich das Wichtigste der einzelne Patient, also die Beziehung zum Menschen bleibt. Eine Karriere, für die man das Opfer bringen muss, sich als Mensch zu verbiegen, führt langfristig nicht zur Zufriedenheit und verleidet einem die Berufstätigkeit. Ob als Oberarzt, Chefarzt oder Klinikleiter – die innere Freiheit, sich jederzeit entscheiden zu können, wie man seine Karriere fortsetzen möchte, zum Beispiel durch einen Wechsel aus der Klinik in die eigene Praxis, sollte man immer behalten.
Sie sind auch Mitglied des Deutschen Ethikrats und im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Warum ist Ihnen das wichtig?
Eine Berufung ist Ehre und Verpflichtung zugleich. Aber es ist kein leichter Lernprozess, interessante Aufgabenstellungen zu priorisieren. Mein Tag hat ja nicht mehr Stunden als der anderer Menschen. Als ich gefragt wurde, ob ich bereit wäre, zum Präsidenten des Deutschen Evangelischen Kirchentages gewählt zu werden, habe ich lange überlegt und dann entschieden, meine parallele Arbeit im Transplantations-Forschungslabor vorerst aufzugeben. Es war ein persönlich begründeter Schritt, von dem ich heute weiß, dass er mir ermöglicht hat, über meinen eigenen professionellen Bereich hinaus viel für das Gesundheitswesen generell zu bewegen. Wie auch bei meinem Engagement im Deutschen Ethikrat.
Welchen Rat würden Sie Assistenzärzten für die Karriereplanung geben?
Karriere um der Karriere willen ist eine falsche Entscheidung. Ein Posten an sich macht nicht glücklich. In jeder Ausbildungsphase sollte man sich fragen, was soll die nächste Stufe bringen, wo liegen meine Neigungen? Ist mein Platz eher am OP-Tisch, im Labor, in der Ausbildung der Studierenden oder bei der Übernahme organisatorischer Verantwortung? Wer diese Fragen für sich beantwortet und akzeptiert, dass das Leben ein andauernder Lern- und Entwicklungsprozess ist, legt die Basis für einen Beruf, der Erfüllung bringt.
Dr. med. Jörg Weidenhammer ist Arzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie sowie Psychoanalytiker und Geschäftsführer der Asklepios Medical School in Hamburg. Als ärztlicher Direktor, Geschäftsführer und Vorstand war er 30 Jahre lang für verschiedene Kliniken tätig und an der Gründung des Herzzentrums der Leipziger Universitätsklinik beteiligt. Heute ist er gefragter Experte für das Management von Krankenhäusern. Über die Erfüllung, die der Arztberuf bietet, sprach er mit Christiane Siemann.
Zur Person
Jörg Weidenhammer, 65 Jahre, schloss zunächst ein Studium der Philosophie, Germanistik und Romanistik ab, bevor er in Bonn Humanmedizin studierte. 1980 promovierte er zum Dr. med. im Fach Neurologie. Von 1978 bis 1992 war er als Referatsleiter Medizin und Chefarzt beim Landschaftsverband Rheinland tätig. 1992 wirkte er bei der Gründung der Herzzentrum Leipzig GmbH-Universitätsklinik mit und leitete die Gesellschaft als Geschäftsführer bis 1996. Danach übernahm er die Positionen des hauptamtlichen ärztlichen Direktors am Allgemeinen Krankenhaus St. Georg in Hamburg und als stellvertretender Vorstand der Marseille-Kliniken. In den Jahren 2005 bis 2007 war er Mitglied der Geschäftsführung der Asklepios Kliniken Hamburg. Seit 2008 ist Weidenhammer Geschäftsführer der Asklepios Medical School in Hamburg.
Das Image des Arztes reicht vom selbstlosen Helfer bis zum schlichten Leistungserbringer. Was unterscheidet den Arztberuf von anderen Berufen?
Das Faszinierende ist nach wie vor die Möglichkeit, mit erworbenem Wissen unmittelbar Menschen zu helfen und damit auch ein Feedback zu erfahren. Diejenigen, die sich bewusst für das Medizinstudium entschieden haben und nicht nur, weil sie den passenden Numerus Clausus erfüllen, identifizieren sich über das ganz altmodische „Helfen können“. Ein Arzt trifft lebensentscheidende Anordnungen, er lernt, mit dem Druck und der hohen Verantwortung umzugehen. Wer sich in der medizinischen Welt im innerlichen Einklang mit Wissen und Können befindet, spürt eine Erfüllung, die andere Berufe so nicht bieten.
Aber der Arztberuf in einer Klinik hat sich sehr verändert. Bleibt die Erfüllung auf der Strecke?
Es gab in der Medizin in Deutschland einige Umbrüche. 1995 wurde die Pflegesatzbudgetverordnung erlassen, die den Krankenhäusern das freie Wirtschaften über Fallpauschalen ermöglichte. Im nächsten Schritt wurde ein Fallpauschalensystem eingeführt, das heißt, die betriebswirtschaftlichen Komponenten und das Kostenmanagement rückten stärker in den Vordergrund und somit mehr die Leistungserbringung und weniger das Helfen und Heilen. Mit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Arbeitszeit der Ärzte wurde dann eine weitere Debatte losgetreten. Während früher die Chefarztvisite am Samstag selbstverständlich war, hat die Arbeitszeitverordnung hier Grenzen gesetzt. Es ist gut, dass man sich mit der Arbeitszeit auseinandersetzt, weil die ärztliche Tätigkeit selber noch mal verstärkt in den Fokus gerät, sich also die Frage nach den zentralen Tätigkeiten stellt. Beispielweise wird Ärzten immer gesagt, dass 25 Prozent der Zeit in die Dokumentation fließt. Doch viele wollen dies nicht wahrhaben und müssen lernen, damit umzugehen. Die meisten jungen Ärzte erleben die Rahmenbedingungen, die wirtschaftlichen Faktoren und die manchmal längeren Arbeitszeiten nicht als Defizit, weil für sie die Freude am Beruf, am Helfen, im Vordergrund steht.
Häufig heißt es, der Arzt des alten Typs habe ausgedient. Die junge Generation setze auf andere Werte, sei weniger idealistisch, schaue mehr auf Geld und auf Freizeit und wolle weniger Verantwortung.
Die sogenannte Generation Y erlebe ich im Krankenhausalltag nicht. Die Heterogenität der jungen Assistenzärzte ist sehr groß: Es gibt immer diejenigen, die gar nicht auf die Uhr schauen, andere verhalten sich moderat, sie legen Wert auf Work-Life- Balance, aber im Einklang mit den Kollegen und der Patientenversorgung. Und es gibt auch eine Gruppe, die darauf besteht, dass nach acht Stunden der Griffel fällt und die sich stark abgrenzen von den anderen. Junge Assistenzärzte sollten sich nicht anstecken lassen vom Klagen über den Arztberuf, häufig ist viel Unwissenheit und schlechte Selbstorganisation im Spiel. Der Arztberuf ist aufgrund seiner hohen Verantwortung Knochenarbeit, aber er macht Freude. Umso mehr, wenn in Krankenhäusern vom Management über den ärztlichen Dienst und die Pflege alle ein gemeinsames Ziel haben, nämlich eine optimierte Versorgung der Patienten, und wenn sie wertschätzend miteinander umgehen. Viele Krankenhäuser haben das erkannt, nehmen Klagen von Mitarbeitern ernst, suchen Lösungen und stimmen sich mit ihnen ab, sodass sie sich verstanden fühlen.
Wie schwierig ist für Assistenzärzte die Konfrontation mit Fragen um Leben und Tod?
Es ist ein Lernprozess, der im Studium beginnt und im Rahmen der Weiterbildung fortgesetzt wird. Ärzte arbeiten sich langsam an das Thema des eigenen Versagens heran, das sie erleben, wenn ein Patient stirbt – trotz umfassender Rettungsaktionen, bei denen sie letztlich hilflos sind. Es bleibt ein lebenslanges Thema, mit dem sie reifen und zu dem eine eigene innere Einstellung wachsen muss. Dieser Weg beginnt bei Ärzten in ihrer „Lehre“. Die Zeit der Assistenzarztausbildung ist im Grunde eine „Meisterlehre“. In der Anleitung durch erfahrene Kollegen und Förderer liegt ein Schlüssel für einen erfolgreichen Berufsstart – durch sie entwickeln sich Einsteiger zu verantwortungsvollen Ärzten.
In deutschen Kliniken arbeiten derzeit 105.400 Assistenzärzte, davon 55.100 Frauen. Das sind nicht genug, das ärztliche Personal ist knapp. Bis zum Jahr 2019 werden in Deutschland 37.400 Ärzte fehlen. Viele Krankenhäuser mobilisieren alle Kräfte, um attraktive Bedingungen für Berufseinsteiger zu bieten und ihre Arztstellen besetzen zu können. Von Christiane Siemann
Assistenzärzte sind gefragt wie nie. Mittlerweile konkurrieren die Kliniken untereinander um die jungen Ärzte. Die Hälfte von ihnen meldet, dass sie Assistenzarztpositionen nicht oder nur mit einer zeitlichen Verzögerung von bis zu sechs Monaten besetzen können, so eine Studie der Unternehmensberatung Deloitte. Wie Berufseinsteiger für Kliniken gewonnen werden können, ist inzwischen gut analysiert. Der Marburger Bund und die Bundesärztekammer haben in Befragungen herausgefunden: Strukturierte Weiterbildung, Freizeitausgleich, geregelte Arbeitszeiten, weniger Bürokratie und faire Bezahlung gehören zu den wichtigsten Erwartungen der Medizinabsolventen im Praktischen Jahr an ihre künftigen Arbeitgeber. Und viele Krankenhäuser haben sich darauf eingestellt.
Die meisten Bewerbungen erhalten nach wie vor die Universitätskliniken. Einer der Gründe: Durch die Größe der Einrichtung und die Vielzahl der Disziplinen ist gesichert, dass sich die komplette Facharztausbildung an einem Haus absolvieren lässt. Zwar ist auch hier die Anzahl der Bewerbungen in den letzten Jahren leicht zurückgegangen, aber noch können sich die Unikliniken die passenden Assistenten auswählen. „Gute Noten in den Staatsexamina sind für uns durchaus entscheidend“, berichtet Stephanie Wiese- Hess, Personalleiterin am Universitätsklinikum Heidelberg. Gern gesehen werden auch Auslandserfahrung und wissenschaftliches Interesse sowie Aktivitäten, die die soziale Kompetenz der Bewerber unterstreichen. Jedem Bewerber sollte klar sein, dass er an einer Uniklinik in drei Tätigkeitsbereiche involviert ist: in Forschung, Lehre und Krankenversorgung. „Wir erwarten von den Kandidaten, dass sie sich bewusst für eine Universitätsklinik entscheiden, Leistungsbereitschaft mitbringen und sich für alle drei Felder begeistern können. Es muss Leidenschaft dabei sein“, betont Stephanie Wiese-Hess. Wer nur schnell seinen Facharzt absolvieren will, ist in einer Universitätsklinik fehl am Platz.
Doch nicht alle jungen Mediziner treibt es in ein Großkrankenhaus. Kleinere Lehrkrankenhäuser haben den Vorteil, dass Ärzte in der Ausbildung oft schneller die vorgeschriebene Zahl an diagnostischen, therapeutischen und operativen Maßnahmen absolvieren können – ohne in der Schlange der Kollegen darauf warten zu müssen. Auch das Katharinen-Hospital Unna, Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Münster, bietet eine strukturierte Weiterbildung. Attraktiv für angehende Fachärzte: Die Kodierung der Krankheitsbilder findet in der Verwaltung statt, ärztliche Routinetätigkeiten wie Blutentnahmen werden vom Pflegepersonal übernommen, die Arztassistenten bereiten unter anderem Untersuchungen vor und legen Arztbriefe an – alles zur Entlastung des Ärztlichen Dienstes. „Der junge Arzt überblickt noch nicht den administrativen Teil seiner Tätigkeit, der auch nicht Gegenstand des Studiums war. Wir entlasten ihn, damit ihm mehr Zeit bleibt, sich auf seine eigentlichen medizinischen Aufgaben zu konzentrieren“, berichtet Personalleiterin Jutta Kappel. Im Wissen, dass es viele Absolventen in die großen Städte zieht, hat der Krankenhausverbund Hellweg, zu dem das Katharinen-Hospital Unna zählt, viele Anstrengungen unternommen, um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein. So wurde es für sein modernes Personalmanagement und familienfreundliche Arbeitszeiten vom Great Place to Work Institute Deutschland mehrmals als „Bester Arbeitgeber im Gesundheitswesen“ ausgezeichnet.
Die Nähe zu einer attraktiven Großstadt ist für Krankenhäuser Segen und Fluch zugleich. Die Regio Kliniken, größter privater Klinikbetreiber in Schleswig- Holstein und Tochter der privaten Sana Kliniken, nutzen alle Wege, um potenzielle ärztliche Bewerber anzusprechen – über Facebook, die Teilnahme an Karrieremessen oder persönliche Kontakte. Mit drei Akutkrankenhäusern, den Kliniken Pinneberg, Elmshorn und Wedel, sind sie akademisches Lehrkrankenhaus des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Sucht die Klinik bundesweit Assistenzärzte, ist die Nähe zu Hamburg ein Vorteil. Für Hamburger Medizinstudenten liegen jedoch Pinneberg und Wedel, obwohl beide nahe an der Hansestadt, schon „ganz weit draußen“. Bisher können noch alle Assistenzarztstellen besetzt werden, so Katharina Brüssel, Personalleiterin der Regio Kliniken. Auch, weil die Vergütung nach dem Tarifvertrag des Marburger Bundes erfolgt, und weil es über die strukturierte Weiterbildung hinaus ein zusätzliches Budget für Fortbildungen gibt und die einzelnen Abteilungen flexible Arbeitszeitmodelle anbieten. „Wir stellen uns auf die Bedürfnisse des ärztlichen Personals ein. Teilzeitarbeit wird vermehrt genutzt, nicht nur von Assistenzärztinnen, sondern auch von Männern, die mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen“, berichtet die Personalleiterin. Ein eigener Kindergarten in Wedel bietet das gesamte Jahr über Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder von Mitarbeitern.
Mehr als 40 Prozent der Assistenzärzte bewerten laut Marburger Bund ihre Arbeitsbedingungen als „schlecht“ oder „sehr schlecht“. Zu lange Wochenarbeitszeiten, schlechtes Arbeitsklima, keine Rücksicht auf die Familie. Moderne Kliniken, die wissen, dass sie den Erwartungen der Nachwuchsärzte entgegenkommen müssen, setzen daher auf familienfreundliche Modelle und flexible Arbeitszeiten. Ob ein Krankenhaus ein modernes Personalmanagement betreibt oder nicht, ist völlig unabhängig von der Größe des Hauses, des Trägers oder der Region. Auch in einem relativ kleinen Haus wie dem Hospitalverbund Hellweg profitieren die Mitarbeiterinnen von flexiblen Arbeitszeitregelungen. Sie können in und nach der Rückkehr aus der Elternzeit jede Form von Teilzeit wählen. Selbst ein halber Arbeitstag in der Woche ist umsetzbar. Hier heißt es: „Kinder bringen bei uns nicht den Ablauf durcheinander, sondern wir freuen uns mit den Mitarbeiterinnen über den Nachwuchs.“ Die Chancen für Assistenzärzte, sich für die Facharztausbildung ein Krankenhaus auszusuchen, das ihren speziellen Bedürfnissen entgegenkommt, sind gut. Vorausgesetzt, der Bewerber bringt eine gewisse regionale Flexibilität mit.
Roboter, die um die Wette Kerzen auspusten, Sektgläser stapeln und Geschenke übergeben? Klingt herrlich sinnfrei und nach einem Riesen-Spaß! Und dieser Spaß hat System, denn er findet im Rahmen der deutschen Vorausscheidung zur Roboter-Europameisterschaft „Eurobot 2013“ statt.
Informatik ist bei Studierenden so beliebt wie nie zuvor: Im vergangenen Jahr haben sich knapp 51.000 Studienanfänger an den Hochschulen im Bereich Informatik eingeschrieben. Bereits 2011 hat ein Run auf Studienplätze für Informatik die Zahl der Studierenden auf Rekordniveau geführt. Grund hierfür waren, neben der grundsätzlich gestiegenen Beliebtheit des Studienfachs, die Doppeljahrgänge in Bayern und Niedersachsen sowie die Aussetzung der Wehrpflicht. Rund ein Fünftel mehr Studienanfänger im Fach Informatik verzeichneten die Hochschulen gegenüber dem Vorjahr 2010. Nun sind es nochmals ein Prozent mehr Studierende.
Als ihm das klassische Berufsleben eines Elektroingenieurs zu eng wird, zieht er die Notbremse: Peter Bader hängt den Ingenieurberuf an den Nagel, um seine Freiheit in Indien zu leben. Er findet schließlich seine Selbstbestimmung zwischen Yoga-Matten auf der Schwäbischen Alb. Von Stefan Trees
Zur Person
Peter Bader, Jahrgang 1955, ist Elektroingenieur sowie Geschäftsführer und Inhaber der Bausinger GmbH, einem Hersteller und Versandhandel von hochwertigen Yoga-Matten und Meditationsbedarf mit Sitz in Straßberg auf der Schwäbischen Alb. Bader praktiziert seit fast dreißig Jahren Yoga. „Yoga ist ein guter Ausgleich: Den Körper spüren, atmen, die Erkenntnis auf dem Weg nach Innen – ein Ingenieur ist ja doch immer im Außen.“
Frust macht sich breit im Unternehmen. Die Verkaufsverhandlungen des mittelständischen Automobilzulieferers an einen großen Konzern ziehen sich in die Länge, die Geschäftsführung trifft keine Entscheidungen mehr. Es herrscht Stillstand. Dann kündigt auch noch der Chef der Entwicklungsabteilung, in der Peter Bader erst seit wenigen Monaten als Elektroingenieur arbeitet. Ein Jahr lang hält er noch durch, dann hat er die Nase voll. Gestrichen voll, nach mehreren Jahren als Elektroingenieur in mittelständischen Unternehmen der Maschinenbau- und Automotive-Branche, nach ungezählten Überstunden, Nachtschichten und durchgearbeiteten Wochenenden. „Das kann es nicht sein“, sagt Bader energisch und beschließt: „Ich muss das Leben nochmal neu anfangen.“ Bader kündigt und verkauft sein Haus. Er will raus. Mit im Reisegepäck sind seine Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben und ein Flugticket nach Indien.
Südasien hat es Bader schon lange angetan. Zum Ausgleich für die berufliche Belastung widmete sich Bader indischer Lebensphilosophie. Nicht theoretisch, denn von Theorie hatte Bader schon als Ingenieur genug, sondern praktisch. Sein Lehrer im Volkshochschulkurs für Autogenes Training hatte Bader hinter vorgehaltener Hand den brandheißen Tipp gegeben: Yoga – im Gymnastikraum des Reutlinger Hallenbads. „Yoga war 1984 noch so ein bisschen geheim“, erinnert sich Bader schmunzelnd: „Gemeindehäuser, Kirchen und Volkshochschulen wollten davon noch nichts wissen.“
Er hat sich hineingetraut in die chlorgeschwängerte Luft des Hallenbads und war im Gymnastikraum auf eine trotz ihres Alters erstaunlich vitale Frau getroffen. Liesel Goltermann war damals schon 76 Jahre alt und wurde für mehr als zwei Jahrzehnte seine Yoga-Lehrerin. Sie hat Bader mit Meditation vertraut gemacht und sein Bild vom Altsein auf den Kopf gestellt, das bis dato von Altersheim und Siechtum bestimmt gewesen war: „Mit ihr war ich sogar Skifahren, da war sie 85“, begeistert sich Bader über diesen gelebten Gegenentwurf des Älterwerdens. In seiner Ingenieurwelt dagegen war kein Platz für Gegenentwürfe. Bader funktionierte als Rad im Getriebe. Er intensivierte seine Beschäftigung mit Yoga und Meditation. Das sei „ein Heftpflaster, aber nicht wirklich eine Lösung“ für ihn gewesen, sagt Bader. Die Lösung, so fühlte er, lag im Neuanfang. Kündigung, Indien.
Es sind die Neunzigerjahre und Peter Bader ist Ende Dreißig, als er seinen Ingenieurberuf an den Nagel hängt. Er bereist Indien und Tibet und lebt ein halbes Jahr in der südindischen Zukunftsstadt Auroville. Hier leben und gestalten Menschen aus aller Welt ein gesellschaftliches Experiment, das Zusammenleben ist friedlich, harmonisch, entspannt. Bader ist von Auroville fasziniert, seit er die Stadt auf seinen früheren Reisen kennen gelernt hatte. Seitdem weiß er: „Es gibt noch ein ganz anderes Leben, und das ist viel freier in seinen Möglichkeiten als wir uns das vorstellen“. Sein Wunsch wächst, dauerhaft hierher auszuwandern. Vorher nochmal nach Hause zurück, ein paar Dinge regeln und eine Therapeuten-Ausbildung machen, damit er „noch was anderes nach Auroville mitbringt“ als seinen Elektroingenieurtitel.
Doch das Therapeuten-Dasein liegt ihm nicht. Peter Bader bricht seine Ausbildung ab. „Ich wusste immer noch nicht was ich will, ich wusste bloß: Ich will nicht mehr zurück in meinen Beruf“, sagt Bader. Um sich hierüber klar zu werden, nimmt er sich eine Auszeit von der Auszeit und wird Schüler im Meditationszentrum Sonnenhof im Schwarzwald. Zwei Jahre lang lebt und arbeitet er als Schüler und Hausmeister in der kleinen Sonnenhof-Gemeinschaft. Hier in der Stille und Abgeschiedenheit kommen dem Ingenieur die besten Ideen. Er tüftelt an einer neuartigen Meditationsuhr, die er produzieren lassen und in Deutschland verkaufen will, um sein künftiges Leben in Indien zu finanzieren.
Auf der Suche nach einem Vertriebspartner lernt er Fritz Bausinger kennen, wie Bader ist er Yoga-Schüler der gemeinsamen Lehrerin Liesel Goltermann. Der Textilingenieur hatte in den Siebzigern eine Yoga-Matte aus Wolle mit einer rutschfesten Rückseite aus Latex entwickelt. Aus dem Vertrieb der „Bausinger-Matte“, wie sie in Fachkreisen anerkennend genannt wurde, war ein Handelsunternehmen für Yoga- und Meditationsbedarf gewachsen. Bausinger hat noch einen kleinen Platz in seinem Produktkatalog, „und so war ich bei ihm drin mit diesem kleinen Ührle“, erzählt Bader, der seinen Traum vom Leben in Auroville noch ein wenig weiter träumt. Bis zu dem Tag, an dem Bausinger dem um einige Jahre jüngeren Peter Bader die Firma zur Übernahme anbietet. „Ich wusste einfach: Das ist es“, erinnert sich Bader.
Ein Vierteljahr später unterschreibt er den Übernahmevertrag. Unverhofft findet er das selbstbestimmte Leben durch seine neue Aufgabe als Geschäftsführer zwischen Yoga-Matten und Meditationskissen: „Ich kann die Firma so gestalten, wie ich meine, dass es richtig ist“, beschreibt Bader sein Freiheitsgefühl seit nunmehr 17 Jahren. Und „richtig“ hat für Bader viel mit Verantwortung zu tun: Den Großteil seiner Lieferanten findet er in der Umgebung des Firmensitzes auf der Schwäbischen Alb, das garantiert kurze Wege. Er vergibt Aufträge an Behindertenwerkstätten und beschäftigt seine sieben Festangestellten unbefristet. Alles ohne Dogma, wie Bader betont, wenn es nicht anders ginge, kaufe er auch in China. „Ich mach‘s halt so gut wie möglich“, beschreibt er bescheiden seine Maxime. „Ich bin froh, dass ich raus bin aus diesem Druck und frei bleiben kann“, resümiert Bader seinen Branchenwechsel. Als Elektroingenieur gehöre man mit 45 Jahren zum alten Eisen – zu schnell sei die technische Entwicklung, meint Bader: „Als Geschäftsführer kann man 50 oder 65 sein und noch einen guten Job machen – mit Ruhe und Abstand zu dem Ganzen. Von daher habe ich diese Work-Life-Balance ganz gut hingekriegt.“
Auroville
In der südindischen Siedlung Auroville leben seit 45 Jahren Aussteiger aus aller Welt. Ihre Absicht ist ein friedfertiges, nachhaltiges, gemeinschaftliches Leben in Harmonie mit der Natur. Auroville wurde mit Unterstützung der UNESCO Ende der Sechzigerjahre gegründet. Die internationale Lebens-Gemeinschaft zählt derzeit rund 2200 Mitglieder aus 48 Nationen.
www.auroville.de
Katell Gélébart fertigt Kleider, Schreibwaren und Kleinmöbel – aus Müll. Aus ihrer Vorgehensweise können Ingenieure ein ganz neues Arbeiten lernen. Von Petrina Engelke
„Das Material ist die Botschaft“, sagt Katell Gélébart. Dabei dient ihr als Material, was andere ausgemustert haben – von Armeedecken bis Zementsäcken. Daraus macht Gélébart Neues: Damenkleider aus grünen Postsäcken, Stoffrestschuhe mit Reifensohlen, Notizbücher aus Röntgenbildern, Schals aus alten Teddybären, Lampen aus Jalousien, Schürzen aus Tetrapacks. 1998 hat sie dazu das Label „Art d’Eco“ gegründet. Als Katell Gélébart ihren Satz über das Material sagt, denkt sie nicht an technische Schwierigkeiten, sondern an Wahrnehmung: „Die Leute sehen: Wow, diese Jacke war mal eine Decke! Oder ein Segel! Wegen dieser Botschaft kaufen sie es. Da spricht sie nicht das Design an, sondern das Material.“
Inzwischen hat Gélébart einen guten Ruf als Mülldesignerin und Umweltkünstlerin, den Kairos-Preis der Töpfer- Stiftung in der Tasche und – mit 39 Jahren – eine eigene Biografie im Buchregal. Wie eine Nomadin streift sie durch die Welt, mal spannt sie in Indien traditionelle Handwerker für ihre Ideen ein, mal diskutiert sie in einem Residenzprogramm mit Künstlern. Nur eines hat sie noch nie getan: einen Ingenieur um Rat gefragt. „Ich bin Autodidaktin, und ich glaube, deshalb kann ich in meiner Materialnutzung auch so breit und offen sein“, sagt sie. Ein Ingenieur mit seinem ganzen Wissen darüber, was man normalerweise zu welchem Zweck einsetzt, würde sie womöglich bremsen. Oder er würde einfach über Gélébarts einzige Grenze staunen: „Es muss etwas sein, das ich mit einer Nähmaschine durchstechen kann. Wenn ich es nicht nähen kann, interessiert mich das Material nicht.“ Sie benutzt weder Kleber oder andere Hilfsmittel, auch nicht für die Lampenserie aus Aluminium- Jalousien – die sind allerdings von Hand genäht.
Klingt dilettantisch? Im Gegenteil. Ingenieure können viel von Katell Gélébart lernen. Beziehungsweise verlernen. „Verlernt, was ihr gelernt habt“ ist in ihren Workshops das erste Gebot. Statt vom fertigen Produkt auszugehen und dann Materialart und -menge zu berechnen, soll man den Prozess von der anderen Seite beginnen. Zum Beispiel berechnen Modedesigner normalerweise zuerst, wie viel Stoff sie für eine Kleideridee brauchen. Gélébart hingegen gibt ihnen einen Postsack mit fester Breite und Länge und einem Aufdruck in bestimmter Laufrichtung. „Aus diesen Rahmenbedingungen musst du ein Kleid machen. Der Prozess läuft also genau andersherum. Ingenieuren würde ich denselben Rat geben: Schaut, was um euch herum vorhanden ist, wie ihr es wiederverwerten oder ihm eine neue Bedeutung geben könnt.“ Das Material ist die Botschaft. Sagt sie doch.